Historisches und Merkwürdiges

Die Geschichte unseres Hauses

Noch anfangs und Mitte des letzten Jahrhunderts hat das Zollwesen in den Kantonen eine bedeutende Rolle gespielt. Der Zoll war ein sehr einträgliches Geschäft, ja, geradezu eine fisikalische Notwendigkeit. So wurden auch in Obwalden an wichtigen Strassen und Pässen Zollstätten errichtet, namentlich auf dem Brünig, in Alpnach, auf dem Sattelpass und beim Zollhaus.
Der Sattelpass war im Mittelalter ein sehr stark begangener Handelsweg von Entlebuch nach Obwalden, zeitweise sogar wichtiger als Brünig und Alpnach. Denn der Brünig war oft beeinträchtigt wegen Religionswirren und politischen Erhebungen (Ringenbergerhandel,1387)und der Verkehr über die Rengg und Vierwaldstättersee litt öfters, weil die Stadt Luzern den Handel mit Unterwalden zur Zeit des Amstaldenprozesses und zur Zeit, als das Entlebuch mit Luzern wegen des verhassten Stadtrechtes im Streit war, sperrte. Mit dem Ausbau des Brünig - Passes hat dann der Sattelpass immer mehr an Bedeutung verloren. Nun zum Zollhaus. Diese Zollstätte ist uralt und reicht mit Sicherheit in die Anfänge obwaldnerischer Geschichte zurück. Zur Hauptsache diente es der Obrigkeit von Obwalden zu fisikalischen Einnahmen. Haus Wirtschaft und Sust gehörten dem Staate Obwalden, ebenso einige Schifflein, die von einem Schiffsknecht bedient wurden. Das Haupt der Zollstätte war der Zoller. Er wurde von der Landsgemeinde gewählt und von der Regierung vereidigt. Als Wirt und Herbergvater hatte er ein strenges Pflichtenheft. So hatte er Aufsicht zu halten über verdächtige Gäste Gespräche Waffen usw. Bei hoher Strafe und Verlust der Amtsstelle hatte er der Regierung über alles gehorsam Bericht zu erstatten.
Diese Vorkehr war nicht unbegründet. Denn das Zollhaus war vielfach in politisch aufgeregten Zeiten, hauptsächlich in der Reformationszeit (1520 bis 1570), ein Treffpunkt für allerlei kirchliche und politische Eiferer.
In der Hauptsache diente aber das Zollhaus zweifellos der eigentlichen Zolltätigkeit. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Auszug aus der „Rechnung über den Zoll 1848“: Ratsherr Vogler zahlt für 17 Stück Kalbfell 11 Ss (Schilling) 2a. (Angster) Durch Fuhrmann von Ah 1 Kistchen Schnitzelware 1 Ss 24 a. Metzger Frei von Aarau zahlt für 72 Stück Schaf 3 Gulden 21. Angster usw.
Als letzter Zoller von Diechtersmatt amtete Simon Burch, gebürtig aus der Schwendi. Er wurde an der Landsgemeinde vom 29. April 1849 vom Volke gewählt und blieb bis zur Aufhebung der Zollstätte im Jahre 1850 im Amte.

Ein merkwürdiges Erlebnis konnte Simon Burch nie vergessen. Dieses Erlebnis bewegt ihn bis in die letzten Tage. Es war vormittags 10 Uhr, ein strenger Wintertag, die genaue Jahrzahl konnte bisher nicht ermittelt werden, als der Rotpeter von Giswil im Zollhaus ein kräftiges Znüni nahm. Draussen standen zwei Pferde und ein grosser Schlitten beladen mit Buchenspälten. Ein junger starker Glasträger kehrte mit seiner schweren Glaskräze ebenfalls im Zollhaus ein und verlangte Essen und Trinken. Der Glasträger kam tags zuvor von Flueli (Entlebuch) über den Sattelpass nach Giswil und hatte bei einem Bauern im Grossteil übernachtet; er wollte mit seiner „Trägätä“ Glas nach Sarnen zum „Wälschenmelk“, der das Glas für seinen Kramladen beim Frauenkloster bestellt hatte. Rotpeter sagte zum Glasträger, das treffe sich gut, er fahre auch nach Sarnen zum Frauenkloster, dem er aus dem Klosterwald bei Bürgeln die Buchenspälten bringen wolle, Die Glaskräze habe noch gut auf seinem Fuder Platz. Das gefiel dem Glasträger, wendete aber ein, er habe feine Opalglasprodukte und anderes feines Zeug in seineer Chräze, die er lieber am Rücken trage und bei der holprigen Strasse nicht auf den Schlitten mitführen wolle. Da meinte der alte Zoller, bei dem dickgefrorenen See fahre ja niemand auf der Strasse, alles gehe über den See, Ross, Schlitten, und Fussgänger, das sei ein wahrer Spass und zudem eine halbe Stunde weniger Weg. Das gefiel den beiden und sie tranken noch einen Schoppen Wein. Guter Dinge machten sich Fuhrmann und Glasträger auf den Weg, führten das Fuhrwerk auf den spiegelglatten See und alles ging lautlos dem Dorfe Sarnen zu. Rotpeter führte die Pferde und hinter dem Fuhrwerk schritt der Glasträger. Die Chräze hat er auf keinen Fall auf den Schlitten legen wollen. Der Zoller rechnete schon, dass diese Fuhr spätestens bis 3 Uhr zurück sein sollte. Doch es wurde 4 Uhr , 5 Uhr; erst in später Nacht kam der Fuhrmann mit seinen Pferden und dem Fuhrwerk, vollständig durchnässt, aufgeregt in die Wirtschaft und berichtete dem Zoller, was sich alles zugetragen hat. Er sei mit dem Fuhrwerk geradewegs gegen das Seefeld Sarnen gefahren; der Glasträger sei unmittelbar hinter dem Fuhrwerk gefolgt. Plötzlich, in der Mitte des Sees, auf gleicher Höhe der Sachsler Kirche, habe er einen grellen Aufschrei gehört und als er nachsah, hätte er von dem Glasträger rein nichts mehr gesehen. Dieser sei in ein zwei Ellen grosses Loch verschwunden; ein Wassergurgeln in der Tiefe, sonst unheimliche Stille. Die Schlittenspur wies nirgends einen Spalt auf, einzig an der Unfallstelle muss ein sogenannter Kochbrunnen gewesen sein, der den schweren Unglücksfall verursachte. Rotpeter kehrte mit seinem Fuhrwerk nicht mehr über den See nach Giswil heim,sondern benützte die holprige Strasse. Diese Begebenheit gab überall viel zu reden.
Nachdem im Jahre 1850 die Zollstätte vom Kanton liquidiert wurde, ging Simon Burch als Glaser, das Glashandwerk hatte er als päpstlicher Gardist in Rom erlernt, seinem Verdienste nach. Der Zoller starb am 26. September 1917 im Alter von 96 Jahren.
In der schnelllebigen Zeit von heute haben wir keine Vorstellung von der Umständlichkeit und Langsamkeit des damaligen Handelsverkehrs. Auch wenn die Bedürfnisse in keinem Verhältnis zu heute stehen, gab es von jeher Güter, die eingeführt werden mussten und die man nicht selbst erzeugen konnte. Lieferfristen gab es schon damals, nur waren diese nicht produktions-, sondern transportbedingt.